ERASMUS VON ROTTERDAM (ERASMUS DESIDERIUS VON ROTTERDAM)

1467/69–1536

Gelehrter und Humanist, Schriftsteller, Philologe, Theologe, wichtigster Vertreter der Renaissance nördlich der Alpen

Seine erste Bildung erhielt Erasmus in einer Klosterschule. Im Jahr 1486 wurde er Mönch, trat in die Ordensgemeinschaft der Brüder vom gemeinsamen Leben der Kanoniker-Augustiner, ein. Sechs Jahre verbrachte er im Kloster, indem er alte Sprachen und Arbeiten griechischer und frühchristlicher Autoren studierte. Danach studierte er an der Pariser Universität (1495–1499). Er lebte in Frankreich, England, Deutschland, Italien und der Schweiz und fand in ganz Europa Anerkennung. Er schrieb in Latein, der Universalsprache des gebildeten Europas dieser Zeit.

Erstmals London besuchend lernte er Thomas Morus kennen und unterhielt lange Zeit freundschaftliche Beziehungen zu ihm. Berühmtheit brachte Erasmus von Rotterdam die erste Ausgabe eines Sammelbands („Antibarbari“). Es ist eine Sammlung von Sprichwörtern und Geflügelten Worten antiker und frühchristlicher Autoren, die im Jahr 1500 erschien.

Von 1506 bis 1509 lebte Erasmus in Italien. An der Universität in Turin wurde ihm der Grad eines Doktors der Theologie zuerkannt. Danach verbrachte er einige Jahre in England und las Vorlesungen in Cambridge. Zu Gast bei Thomas Morus in London (1509) beendete er seine viel gerühmte philosophische Satire „Lob der Torheit“, die 1511 erschien. In diesem Werk kritisierte er in scherzhaft-seriösem Ton die übliche Lebensweise, Sitten und Gebräuche der Gesellschaft. Im Jahr 1513 fuhr er nach Deutschland, wo er zwei Jahre verbrachte. Karl V., der sein Gönner wurde, setzte nach 1519 dem Gelehrten eine feste Besoldung aus.

In den letzten Jahren ließ sich Erasmus in der Schweizer Stadt Basel nieder, wo er bis zum Ende seiner Tage lebte und die er periodisch wegen des Besuchs anderer Länder verließ. In dieser Stadt ergaben sich für Erasmus freundschaftliche Beziehungen zu dem Verleger J. Froben, der eine Vielzahl der Schriften des Humanisten druckte. Im Jahr 1517 realisierte er die Herausgabe des griechischen Originals des Neuen Testaments mit ausführlichen Kommentaren von Erasmus, 1519 gab der Gelehrte die eigene lateinische Übersetzung des Neuen Testaments heraus.

Erasmus schuf ein System der neuen Theologie, das er „Philosophie Christi“ nannte. In ihr wurde (zuerst) das moralische Verhalten des Menschen im Einklang mit den Geboten Christi in den Vordergrund gestellt und nicht die rituelle Seite des Christentums. Im Jahr 1501 war das religiös-ethische Traktat „Enchiridon militis christiani“ (Handbüchlein des christlichen Streiters, erschienen 1504) verfasst, in dem die Grundprinzipien der „Philosophie Christi“ ausformuliert sind. Dieses Traktat war Dürer bekannt, und er, so nimmt man an, stützte sich in seiner Arbeit an den „Meistergraphiken“ darauf. Erasmus wurde der führende Kopf einer Strömung im Humanismus, die die Bezeichnung „Christlicher Humanismus“ erhielt. Er trat gegen den ungeistlichen Ritus der Kirche und gegen den Reliquienkult auf und wurde deshalb zum Vorläufer der Reformation. Doch er teilte nicht den gewalttätigen Fanatismus der Protestanten und insbesondere nicht die grenzenlose Erniedrigung des Menschen vor Gott, die charakteristisch ist für das Luthertum; deshalb brach er mit Luther, den er anfangs unterstützt hatte.

Aus dem riesigen Erbe des Erasmus von Rotterdam sind am bekanntesten sein „Lob der Torheit“ (1509, russische Übersetzung 1960) und die „Vertrauten Gespräche“ (1519 bis 1535, russische Übersetzung 1969). Erhalten geblieben ist die umfangreiche Korrespondenz von Erasmus von Rotterdam, der ein großer Meister des Briefgenres war.

Dürer lernte Erasmus persönlich kennen während seiner Reise in die Niederlande in den Jahren 1520 und 1521 und schuf dessen Porträt.